Kennen Sie schon den inoffiziellen Nachfolger von „Hello Kitty“? Das süße kleine Wesen Chiikawa hat Japan (und den Rest Ostasiens) im Sturm erobert. Den eigenwilligen Unterhaltungswert des zugehörigen Manga (Comic) ins Deutsche zu bringen, hat allerdings seine ganz eigenen Tücken. Ein Streifzug.

Bild: Verena Maser
Wer oder was ist Chiikawa? Das weiß man leider nicht so genau. Es könnte ein Tier sein – aber welches? Ein Bär? Eine Maus? Und ist es ein Männchen oder ein Weibchen? Alles unklar. Aber letztlich auch egal, denn: es ist furchtbar niedlich. Daher hat das Wesen auch seinen Namen. „Chiikawa“ bedeutet nämlich schlicht „klein und süß“.
Seit 2020 macht der weiße Fratz Japan und den Rest Ostasiens unsicher. Ursprünglich von der Künstlerin NAGANO kreiert als Hauptfigur von einseitigen (farbigen) Manga auf Twitter/X, umfasst das Chiikawa-Universum inzwischen auch eine Kurz-Animationsserie, Bücher, ein Handy-Game und vor allem schiere Massen an Merchandising-Produkten mit Chiikawa und all seinen:ihren vielen Freund:innen. Die Produkte sind gefragt. Kürzlich erst brach McDonald’s Japan seine Chiikawa-Happy-Meal-Aktion ab, weil man von Fans und (vor allem) Wiederverkäufer:innen überrannt wurde, die weniger Interesse am Essen als an den beiliegenden Spielzeugen hatten (https://essential-japan.com/news/mcdonalds-japan-cancels-chiikawa-happy-meal-collab-as-second-toys-sell-out-in-24-hours/).
In Deutschland ist der Hype (noch) nicht angekommen. Außer den übersetzten Manga (Verlag: Tokyopop; bisher vier Bände, https://www.tokyopop.de/6752/chiikawa-suesser-kleiner-fratz-band-01) ist praktisch kein Merchandising zu bekommen (außer man importiert es teuer). Der Manga wiederum muss vor allem mit dem Niedlichkeitsfaktor punkten, denn der restliche, ziemlich spezielle Unterhaltungswert lässt sich leider sehr oft kaum ins Deutsche retten. Jedenfalls beiße ich mir seit 2023 regelmäßig die Zähne daran aus.
Was macht Chiikawa im Ursprungsland Japan so erfolgreich, und warum lässt sich das bei uns so schwer reproduzieren? In meinen Augen sind es im Wesentlichen drei Faktoren: 1. Niedlichkeit, 2. Geteilte „Lebenswirklichkeit“ und 3. Freiraum für Fantasie.
Auch wer nichts sagt, muss übersetzt werden
Was macht eine Figur niedlich? Das sieht natürlich jeder Mensch anders. Generell wird aber argumentiert, dass kleine, rundliche Körper mit großen Augen als niedlich empfunden werden, weil sie dem Kindchenschema folgen. Dafür muss man sich nur Hello Kitty vor Augen führen, und Chiikawa und Konsorten schlagen in dieselbe Kerbe. Die tierische(?) Bevölkerung von Chiikawas Welt hat zwar keine übermäßig großen Augen, ist aber in der Regel nur zwei Köpfe groß und mit Rundungen statt Ecken ausgestattet. Wenn man sich die Kommentare zum Manga auf der deutschsprachigen Amazon-Seite ansieht, funktioniert dieser visuelle Niedlichkeitsfaktor auch hierzulande hervorragend.
Aus übersetzerischer Sicht ist etwas anderes schon schwieriger: Die Hauptfigur Chiikawa spricht nicht. Oder zumindest fast. Es kann zumindest „Ja“ und „Nein“ sagen, benutzt dabei auf Japanisch allerdings die simplen (und niedlichen?) Varianten „un“ und „iya“ statt „hai“ und „iie“.
https://x.com/ngnchiikawa/status/1244266182166773760
Chiikawa schreit „iya“, um sich gegen ein Monster zu wehren.
Das ist in etwa so, als würde man auf Deutsch immer „Mhm“ und „Ä-äh“ sagen. Wobei – haben Sie jetzt gerade verstanden, welche Laute ich meine? Das Deutsche hat es leider nicht so mit der Verschriftlichung von Lauten, und darum gibt es oft keine Standardisierung. So findet man das bejahende „Mhm“ zwar im (Online-)Duden, die Verneinungen „Ä-äh“ oder „M-mh“ hingegen aber nicht. Auch in Übersetzungsseminaren gab es schon hitzige Debatten darüber, wie diese Laute eigentlich zu verschriftlichen seien, ob mit Bindestrich oder ohne.
Doch selbst wenn die Verschriftlichungen standardisiert wären, sind sie doch nicht sonderlich lesefreundlich. Zumindest sind wir sie aus deutschen Prosatexten weit weniger gewohnt als das englischsprachige Publikum beispielsweise „uh-huh“. Aus all diesen Gründen kann Chiikawa im Deutschen ein bisschen mehr sagen als im Japanischen, nämlich zumindest „Ja“ und „Nein“. Wobei ich nach einem Übersetzungsseminar im letzten Jahr bei der Verneinung inzwischen auf „Nee“ umgeschwenkt bin, weil es ein Stück kindlicher und damit „niedlicher“ klingt.
Bei eben diesem Seminar kamen auch Chiikawas andere Ausrufe zur Sprache, unter anderem „Wa“, „Wawa“, „Waaa“, „Waan“, „Eeee“ …
https://x.com/ngnchiikawa/status/1467883568701788161
Chiikawa sagt überrascht „Wa …!!“ und bewundernd „Wa…a …“
Das Japanische ist eine Kontextsprache, und dementsprechend können diese Ausrufe in verschiedenen Situationen Verschiedenes bedeuten: freudige Überraschung, Schockiertheit, Verwunderung, Verwirrtheit, Angst, Protest … Meine Übersetzung für das Seminar enthielt seinerzeit sehr viel „Aaaah“ und „Ooh“, eben weil Chiikawa zu nicht viel mehr Lauten fähig ist und das Deutsche beim Verschriftlichen reichlich eingeschränkt ist. Meine Kolleginnen waren allerdings der Ansicht, Wörter wie „Huch“, „Uppsa“, „Hepp“ oder „Huiuiui“ seien bedeutungslose Laute und könnten dementsprechend „gefahrlos“ in der Übersetzung verwendet werden. Einerseits leuchtet mir die Argumentation ein, andererseits würde ich spätestens bei „Oje“ dann doch die Grenze ziehen. Und es stellt sich auch die Frage, ob die Uneindeutigkeit von Chiikawas Lauten nicht ein wesentliches Werksmerkmal darstellt, das man eigentlich nicht so einfach auf dem Altar der Verständlichkeit opfern sollte. Ein Problem, das bei Übersetzungen aus dem Japanischen immer wieder auftritt, denn „Kontextsprache“ bedeutet nun einmal, dass man im Ursprungstext vieles ungesagt lassen kann, weil das Lesepublikum es trotzdem verstehen wird.
In Chiikawas Welt gilt das im Übrigen auch noch für eine zweite Figur, die aber zumindest aus übersetzerischer Sicht keine Schwierigkeit darstellt. Das Häschen Usagi hat einen ganz eigenen Wortschatz, der im Wesentlichen aus den Lauten „Yaha“, „Haa“, „Pululu“, „Ula“ und „Fuuun“ besteht. Wie bei Chiikawa können diese je nach Situation alles Mögliche bedeuten. Da es sich um kein Standard-Japanisch handelt und es viele japanische Fans lustig finden, dass man trotzdem meistens erkennen kann, was Usagi sagen will, habe ich schon in Band eins beschlossen, die Laute einfach nur zu transkribieren. In der Hoffnung, dass „Fuuun“ nicht wie das Englische „fun“ gelesen wird (das japanische „u“ ist dem deutschen „u“ sehr ähnlich, wird aber eher gehaucht).
We all live in a Chiikawa world
Erfolgsfaktor zwei des Chiikawa-Universums ist die (im Ursprungsland) geteilte Lebenswirklichkeit. Anders gesagt: Chiikawas Welt ist noch japanischer als Japan.
Auf den ersten Blick wirkt die Welt vor allem fantastisch: Chiikawa und Konsorten leben in einem riesigen Wald mit wenigen Gebäuden, dafür aber dutzenden Monstern in allen Formen und Größen. Liest man sich genauer ein, merkt man, dass diese Welt der unsrigen in einem Punkt ziemlich ähnlich ist: auch bei Chiikawa regiert das Geld. Wer sich schöne Sachen oder gute Waffen kaufen will, muss Geld verdienen. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten, unter anderem Unkrautjäten und Monster unterwerfen. Teils kann man sich durch Zusatzprüfungen für eine bessere Bezahlung qualifizieren. Verteilt wird die Arbeit durch Menschen(?) in Ritterrüstungen, nach eben diesen als „yoroi“ bezeichnet. Mit den Leiden der niedlichen Tierchen unter der bisweilen harten Realität scheint man sich in Japan besonders gut identifizieren zu können, aber auch wir als Freiberufler können uns hier wiederentdecken.
https://x.com/ngnchiikawa/status/1327526305374498816
Abgekämpft holt sich Katze Hachiware das Honorar für die erfolgreiche Unterwerfung. Dank Zusatzprüfung gibt es einen kleinen Bonus.
Noch ein zentraler Aspekt von Chiikawas Welt ist auf das japanische Publikum zugeschnitten: das Essen. Genau genommen geht es in fast jeder Geschichte irgendwie um Essen. Und eigentlich immer um Essen, das wir in Europa nicht kennen. Die Beispiele sind vielfältig:
https://x.com/ngnchiikawa/status/1225932325600579586
Yotchan Kalmar, ein salziger Snack, dazu gibt es Melon Soda (Limonade)
https://x.com/ngnchiikawa/status/1274749184353038339
Mit Essig angemachter Seetang (su-konbu), in Japan fertig im Supermarkt zu kaufen
Bei deutschen Manga-Verlagen hat es sich inzwischen durchgesetzt, bei Lebensmitteln den japanischen Namen stehenzulassen. Immerhin gibt es auch hierzulande inzwischen genügend Ramen-Restaurants und selbst Aldi und Rewe verkaufen Mochi-Eis und Onigiri. Da Chiikawa allerdings in erster Linie eine junge Zielgruppe erreichen soll, haben wir (d. h. die Redaktion und ich) uns bei der Übersetzung von Band eins dazu entschieden, sämtliche Lebensmittel einzudeutschen. Bei „Bratnudeln“ statt „yaki soba“ geht das noch gut, spätestens bei „shirasu oroshi“ stoße ich allerdings an meine Grenzen. Jedenfalls klingt „Sardinen- (bzw. Sardellen-)Larve auf geriebenem Rettich“ nicht sonderlich appetitlich, aber darum handelt es sich eben. Leider hat auch längst nicht jedes Gericht seinen eigenen Wikipedia-Eintrag, weshalb das Argument „Das kann man ja googeln“ in diesen Fällen kaum weiterhilft.
Aber auch wenn das Gericht an sich bekannt ist, ist es der kulturelle Zusammenhang oft nicht. Ein Beispiel ist das Ramen-Restaurant „~ro“. Sie fragen sich sicher, was das für ein seltsamer Name ist. Im Original heißt der Laden 郎 (rō). Das soll eine Anspielung auf die bekannte japanische Kette Ramen Jirō (ラーメン二郎) sein, die japanweit aktuell über 44 Läden verfügt. Bekannt ist sie für Ramen und vor allem für ein eigenwilliges Bestellsystem mit einem ganz eigenen Vokabular. Auch Chiikawa und die Katze Hachiware müssen das erst einmal im Internet recherchieren, bevor sie sich zum ersten Mal zu ~ro zum Essen trauen.
https://x.com/ngnchiikawa/status/1308471235295105024
Chiikawa und Hachiware trauen sich zum ersten Mal, bei ~ro zu essen
Was für das japanische Publikum sofort schlüssig und (vermutlich) sehr lustig ist, ist für das hiesige Publikum im besten Fall kurios. Dass die Frage des Kochs „Soll Knoblauch dran?“ so nur bei Ramen Jirō fallen kann, weiß hierzulande eben niemand. Aber auf eine andere Restaurantkette umschreiben funktioniert nicht, denn erstens sind die Ramen prominent im Bild zu sehen und zweitens gibt es hierzulande keine Restaurantkette mit eigenwilligen Formulierungen (oder zumindest kenne ich keine).
Künstlerin NAGANO hat neben Essen außerdem ein Faible für Musik, besonders moderne japanische Chorlieder und Werbejingles. In Japan wird gerne im Chor gesungen, das geht schon im Kindergarten los. Es gibt eine ganze Reihe an „Klassikern“ des 20. Jahrhunderts, die jedes japanische Kind (und Erwachsene:r) zu kennen scheint. Wenn ich an meine eigene Schullaufbahn zurückdenke, war Singen im Chor weder bei Lehrkräften noch bei Schüler:innen sonderlich beliebt (wenn man nicht sowieso gut singen konnte), und beim Repertoire wurde spätestens im Gymnasium das deutschsprachige Kinderlied durch den englischsprachigen Popsong abgelöst. Kolleg:innen berichten Ähnliches. Mit anderen Worten, ich muss mir beim Übersetzen von Chiikawa gar nicht die Mühe machen, nach deutschen Entsprechungen für die japanischen Lieder zu suchen, sondern kann (muss) mich gleich darauf konzentrieren, den Text ins Deutsche zu übersetzen. Ein Beispiel ist das Lied „BELIEVE“ (hat nichts mit Cher zu tun).
https://x.com/ngnchiikawa/status/1363091936035315714
Chiikawa und Hachiware singen das moderne Chorlied „BELIEVE“ (Komponist: Ryūichi Sugimoto)
Der Song bei YouTube: https://youtu.be/1eSxTnMcTMs
Meine deutsche Fassung geht so (und ja, der englische Satz ist auch im Original schon fehlerhaft):
Selbst wenn du verletzt bist
und aufgeben willst
Ich bin immer an deiner Seite
Ich steh dir immer wieder bei
Unsre Erde dreht sich
erfüllt von unseren Hoffnungen
Wenn ich jetzt die Tür zum Morgen öffne
Sind Trauer und Leid
Eines Tages ganz sicher Freude
I believe in future
Ich glaube daran
Dazu möchte ich sagen: ich kann nicht singen. Ich versuche zwar, meine Liedtexte halbwegs auf die zugehörige Melodie abzustimmen, aber ob der Text tatsächlich singbar ist, hat bisher noch niemand ausgetestet. Auf Reime habe ich verzichtet, um möglichst viele Freiheiten dabei zu haben, die Stimmung des Liedes einzufangen und mit dem Text die zugehörige Geschichte zu komplementieren.
Manchmal muss nicht mal Text übersetzt werden und stattdessen ein Sound. Paradebeispiel ist „Mr. Supermarkt-Sound“.
https://x.com/ngnchiikawa/status/1338947113892245504
Chiikawa macht mit der Nachbarschaft Morgengymnastik zu den Klängen von „Mr. Supermarkt-Sound“.
„Mr. Supermarkt-Sound“ heißt eigentlich Yobikomi-kun, d. h. „Herr Kundenanlocker“. Es handelt sich um einen kleinen Lautsprecher mit Armen und (teilweise) Gesicht, der im Supermarkt mit einer fröhlichen(?) Melodie Kundschaft anlocken soll.
Zum Sehen und Hören: https://youtu.be/PYHAvygiA-k
Wer schon mal in Japan einkaufen war, kennt diese Melodie, und die Vorstellung, dass kleine Tierchen dazu Morgengymnastik betreiben (auch das wiederum eine sehr japanische Aktivität, die durchs Radio populär wurde), ist für das japanische Publikum sicher immens lustig. Aber für uns? Zumindest glaube ich, dass ich mit der Verschriftlichung „Bibiibobibobi Bobobobebiibo“ den Sound ganz gut getroffen habe.
Freiraum für Fantasie
Kommen wir zum dritten Grund, der Chiikawa in meinen Augen so immens erfolgreich macht: das Universum bietet sehr viel Freiraum für Fantasie. Dadurch, dass der Manga fast nur aus einseitigen Geschichten besteht und es kaum längere Handlungsstränge gibt, bietet die Welt viele Leerstellen, die allein mit der Vorstellungskraft gefüllt werden können.
Das betrifft zum Beispiel das Verhältnis zwischen den kleinen Tieren und den menschlichen(?) Yorois. Diese haben einen Chef mit einer Königskrone, der sie zwischendrin ermahnt, nicht zu freundlich zu den Tieren zu sein. Gibt es dafür einen Grund? Und wenn ja, welchen? Einige Fans vermuten, dass die Monster in Chiikawas Welt ursprünglich selbst kleine süße Tierchen waren, die sich dann plötzlich verwandelt haben. Chiikawa und Co. wären also potenziell gefährlich.
Ein anderes beliebtes Spekulationsobjekt ist das Gleithörnchen Momonga. Bei einem seiner ersten Auftritte wird es von einem Monster verfolgt, das immer nur schreit „Gib ihn / sie / es zurück!“
https://x.com/ngnchiikawa/status/1293564022726377473
Momonga rennt vor einem Monster davon. Aber wer ist hier das Monster?
Die Fan-Theorie geht nun so: Ursprünglich hatte Momonga den Körper des Monsters und hat dann mit dem echten Gleithörnchen die Körper getauscht. Das Monster will hier also seinen Körper zurück.
Ist dem wirklich so? Oder hatte da nur jemand eine sehr lebhafte Fantasie? Autorin NAGANO hat sich nie öffentlich dazu geäußert. In einer späteren Geschichte allerdings sehen wir, wie Momonga einen Automaten zerstört, mit dem man Körper untereinander tauschen kann. Dazu sagt es: „Nur zur Sicherheit.“ Will es verhindern, dass es seinen Gleithörnchen-Körper wieder verliert?
https://x.com/ngnchiikawa/status/1479424663642345478
Momonga zerstört einen Automaten
Solcherlei Spekulationen lassen sich im japanischen Internet, insbesondere bei Twitter/X zuhauf finden, international sind sie aber kaum bekannt. Was schade ist, denn der Unterhaltungswert einiger Fan-Theorien ist enorm und fügt der Welt von Chiikawa eine neue Ebene hinzu.
Beim Übersetzen versuche ich soweit möglich, die Fan-Theorien zu berücksichtigen. Das heißt, ich versuche meine Formulierungen so offen zu halten, dass sie weiterhin zu den Theorien passen. Während sich das Japanische allerdings wie oben bereits ausgeführt „von Natur aus“ sehr vage ausdrücken kann, ohne unverständlich zu werden, ist das im Deutschen nicht immer möglich. Die Gratwanderung zwischen „zu unklar“ und „zu eindeutig“ ist bei Chiikawa besonders schwierig.
Chiikawa ist, wenn du trotzdem scheiterst
Zum Abschluss nun ein Eintrag aus dem Buch „gescheiterte Übersetzungen“. Die kindlichen Figuren von Chiikawa haben Spaß daran, mit der japanischen Sprache zu spielen, verheddern sich aber auch schon mal in ihr. Ein Beispiel ist die (tatsächlich existierende) Süßigkeitenladenkette Machioka, oder auf Japanisch „Okashi no Machioka“ (Machiokas Süßigkeiten).
Nun muss man wissen, dass das Japanische standardmäßig keine Leerzeichen verwendet. Wo ein Wort aufhört und das andere anfängt, ergibt sich aus den verwendeten sinojapanischen Zeichen (kanji) oder schlicht aus der Grammatik. Wenn die sinojapanischen Zeichen fehlen, kann es allerdings auch für Muttersprachler:innen schon mal schwierig werden, die Grenze korrekt zu ziehen.
Die besagte Kette schreibt sich also streng genommen „okashinomachioka“. Wenn man weiß, dass der Name vom Nachnamen Machioka herrührt und die japanische Grammatik kennt, ergibt sich völlig logisch, dass die Aufteilung „okashi no machioka“ sein muss.
Katze Hachiware allerdings versteht es falsch. Statt „machioka“ als Namen zu interpretieren, liest sie die beiden Namensbestandteile „machi“ und „oka“ in ihren wörtlichen Bedeutungen „Stadt“ und „Hügel“. Damit heißt der Laden dann für sie „okashi no machi oka“, oder eben „Oka, die Stadt der Süßigkeiten“.
https://x.com/ngnchiikawa/status/1386213647484026883
Hachiwares eigenwillige Namensinterpretation
Ich sag’s, wie es ist: dieses Missverständnis lässt sich einfach nicht gut übersetzen/lokalisieren. Und wir haben es probiert, denn ich hatte das Problem bei einem Übersetzungsseminar dabei. Knusperhäuschen und Knusperknäuschen? Haus au chocolat? Irgendwas mit Stadel, Lebkuchenhaus, Hexenhäuschen, Praline, Heim …?
Am Ende wurde es ein (in meinen Augen) holpriges Wortspiel mit einem Laden namens „Naschwerk“, der von Hachiware als „Süßigkeitenwerk Nasch“ bezeichnet wird. Seither ist ein Jahr vergangen, und mir ist immer noch keine bessere Lösung eingefallen. Falls Sie eine haben: Bitte schicken Sie mir eine E-Mail!
Über die Autorin
Verena Maser

Über die Autorin
Verena Maser
Dr. Verena Maser studierte Japanologie und Soziologie und promovierte zum Thema Liebe zwischen Mädchen in der japanischen Popkultur. Sie arbeitet als freiberufliche Übersetzerin und Autorin, und hat bereits über 200 Manga-Bände ins Deutsche übertragen. Sie gibt Übersetzungsworkshops und engagiert sich für die Sichtbarkeit von Comics und Comicübersetzungen.






